Buchstabenregen  


Buchrezension

Harry Potter und das verwunschene Kind – J. K. Rowling/John Tiffany/Jack Thorne

9783551559005

Seiten: 336

Preis: 19,99 Euro

  

Carlsen Hardcover Erschienen: 24. September 2016 ISBN 978-3-551-55900-5

Der Inhalt:

Die achte Geschichte. Neunzehn Jahre später. Das Skript zum Theaterstück!

Es war nie leicht, Harry Potter zu sein – und jetzt, als überarbeiteter Angestellter des Zaubereiministeriums, Ehemann und Vater von drei Schulkindern, ist sein Leben nicht gerade einfacher geworden. Während Harrys Vergangenheit ihn immer wieder einholt, kämpft sein Sohn Albus mit dem gewaltigen Vermächtnis seiner Familie, mit dem er nichts zu tun haben will. Als Vergangenheit und Gegenwart auf unheilvolle Weise miteinander verschmelzen, gelangen Harry und Albus zu einer bitteren Erkenntnis: Das Dunkle kommt oft von dort, wo man es am wenigsten erwartet.

 

Der erste Satz:

Ein belebter Bahnhof voll geschäftiger Menschen, die versuchen, ihre Züge zu erreichen.

 

Meine Meinung:

Was hatte ich mir nach dem letzten Potter-Band eine Fortsetzungsreihe gewünscht. Aus dem Epilog, der 19 Jahre nach der großen Schlacht spielt und Anregungen für unzählige Fanfiktionen lieferte, hätte man so viel machen können. Alles war gut, hieß es da. Wie leicht wäre es gewesen, mit Albus Severus Potters Schulbeginn zu zeigen, dass eben nicht alles gut war; dass Voldemort zwar besiegt war und Harry Potters Narbe schon lange nicht mehr schmerzte, dass es aber auch nach 19 Jahren noch Probleme gab. Dann ereilte uns die Nachricht, dass es zwar keinen neuen Roman, allerdings ein Theaterstück geben wird – und das dazugehörige Skript zum Lesen für alle Fans. Und was habe ich mich auf dieses Skript gefreut. Ich habe sogar versucht, es vor Erscheinen mit einem heimlichen Accio in meinen Besitz zu bringen. Hat leider nicht funktioniert.

Doch als ich es nun zum Erscheinen kaufte und zu lesen begann – nach all der langen, langen Wartezeit und mit so hohen Erwartungen, dass nicht einmal mehr der beste und schnellste Besen, noch nicht einmal mehr der Goldene Schnattz sie erreichen hätte können –, da schrumpfte meine Freude bereits nach den ersten Seiten.

Dies lag weder am doch recht einfach gehaltenem Unterstufen-Schreibstil noch an der Form, denn die sorgte dafür, dass man den gesamten Text mit Leichtigkeit innerhalb weniger Stunden beenden konnte. Bei Erwähnungen altbekannter Orte aus der Zauberwelt wurde mir beim Lesen sofort ganz warm ums Herz und ich las flotter, um so schnell wie möglich wieder nach Hogwarts zu kommen.

Darüber, dass Harry Potter seinem zweitgeborenem Sohn am Bahnhof Kings Cross erst liebevoll sagt, dass der mutigste Mann, den er je kannte, ein Slytherin war, und Albus Severus Potter, der nach ihm benannt ist, sich keine Sorgen machen brauchte, falls er in Slytherin landen sollte, im nächsten Augenblick aber zusammen mit dem Rest der Famiilie hofft, dass er bloß nicht in dieses »böse Haus« kommt, habe ich am Anfang noch hinweggelesen und geschmunzelt. Als mir beim Weiterlesen aber bewusst wurde, dass sich auch nach 19 Jahren noch nichts an der Einstellung Slytherins über geändert hat, wurde ich fast wütend.

Aber gut, dachte ich, vielleicht besteht darin ja der große Konflikt, um den es in dem Buch gehen soll. Wenn sich die Vorurteile Slytherins gegenüber am Ende aufheben und Albus dann von seinem Vater, seinen Geschwistern und Cousins und seinen Mitschülern anerkannt wird, dann bin ich zufrieden. Ich lese weiter und bin noch voller Hoffnung, bis es zu einem Streit zwischen Albus und Harry kommt und ich Harry Potter nicht mehr wiedererkenne. Harry Potter, der als einsamstes Kind aller Zeiten, ohne Eltern und sonderlich viel Liebe aufgewachsen ist. Harry Potter, der liebste Teenager der Welt, der nie einer einzigen Fliege auch nur etwas zu Leide tun wollte. Harry Potter, der Voldemort besiegte, mit Liebe und Freundschaft, Vertrauen und Hoffnung und einfachen Zaubersprüchen. Harry Potter, der nie berühmt sein wollte und der das alles ohne die Unterstützung von Ron und Hermine, Luna und Ginny und Neville und dem Orden nie geschafft hätte. Harry Potter, der seinen zweitgeborenen Sohn stolz Albus Severus nannte. Dieser Harry Potter sagt so unschöne, hasserfüllte Dinge zu seinem Sohn, dass sich ein tiefes und kaltes schwarzes Loch unter mir auftut, in das ich hineinfalle. Ich muss das Buch einige Minuten beiseite legen und weinen. Und ich bin mir nicht sicher, ob ich weiterlesen möchte. Solche Dinge würde J. K. Rowlings Harry Potter doch nie sagen. Solche Dinge würde er auch nicht denken. Solche Dinge gehören verboten!

Vater-Sohn-Konflikt ja, Harry Potter lernt eine Lektion ja, aber das hätte man durchaus auch anders machen können.

Ich denke, das ist es auch, was die ganze Geschichte für mich so enttäuschend und unrealistisch macht. Es ist nicht die Handlung, über die man sich streiten kann (und über die ich aus Spoiler-Gründen gar nicht viel verraten möchte), es ist Harry Potter, von dem kaum noch Harry Potter-Persönlichkeit übrig zu sein scheint. Es fiel mir schwer, ihn noch zu mögen und sonderlich ernst zu nehmen. Und leider ging es mir mit Ron und Hermine ebenso. Auch die Beziehung und Interaktion zwischen den Dreien ist nicht mehr das, was sie einmal war. Alles wirkt hölzern und gezwungen. Einzig die Gespräche mit den Portraits von Albus Dumbledore geben einem einen emotionalen Flashback und lassen einen noch immer zur gleichen Zeit grinsen und nachdenken.

Nebencharaktere wie Albus‘ Geschwister und Cousins, sowie seine Mitschüler bleiben viel zu weit im Hintergrund und dementsprechend oberflächlich. Einige Kids der Weasleybande, Mitglieder des Ordens und Harrys Patenkind Ted Lupin tauchen aus Platzgründen leider erst gar nicht auf.

Der Fokus der Geschichte liegt auf Albus Severus und Scorpius: Beste Freunde, von ihren Mitschülern gemobbt, Slytherins, die scheinbar keinen Zauber richtig ausführen können. Alles andere als Helden sozusagen. Albus Severus trägt den Namen Potter wie eine Last, die ihn einengt und langsam zu erdrücken scheint. Man sieht ihm die Verwandtschaft mit seinem berühmten Vater rein optisch zwar an, doch nach anderweitigen Ähnlichkeiten sucht man lange. Harry Potter, der war ein mutiger Gryffindor. Albus Severus Potter, der ist ein Slytherin. Harry Potter, der war ein Naturtalent, was das Fliegen anging, und viele Jahre im Quidditch-Team. Albus Severus Potter, dem gehorcht kein Besen, und in der Nähe eines Quidditch-Feldes hat man ihn noch nie gesehen. Harry Potter, der hat Voldemort geschlagen und die Malfoys als Todesser entlarvt. Albus Severus Potter, der ist richtig dicke mit Scorpius Malfoy. Und über den wird nicht gerade nett getuschelt. Die abstrusen Gerüchte, die sogar seinen Vater Draco beschämen, machen ihm ganz schön zu schaffen. Eigentlich will er doch nur normal wirken, als netter Junge, der eine Schwäche für Zaubereigeschichte und seine Mitschülerin Rose Granger-Weasley hat. Kein Wunder also, dass die beiden das Gefühl haben, sich irgendwem beweisen zu müssen.

Als Amos Diggory etwas von einem Zeitumkehrer im Ministerium und einer Idee erzählt, die seinen Sohn Cedric vor dem Tod bewahren könnte, zögern die beiden Jugendlichen nicht lange. Sie stehlen das magische Artefakt, reisen durch die Zeit und erleben beim Versuch, Cedric während des Trimagischen Turniers zu retten, so einige Abenteuer.

Zeitreisegeschichten sind etwas, das ich ebenso faszinierend wie verzwickt finde, da dabei nun einmal äußerst leicht Logikfehler passieren können. Was ich an der ›Harry Potter‹-Reihe so sehr schätze ist der rote Faden, der sich von Band1 bis hin zu Band7 durchzieht, und der keinen Platz für Logiklücken ließ. Alles passte zusammen, eins führte zum anderen und wirkte dennoch nicht zu konstruiert, während in diesem Band8 nichts so richtig zusammenpasste und die Autoren bei dem Versuch scheiterten, eine authentische Zeitreisegeschichte zu schreiben. Noch dazu blieb während den verschiedenen Episoden in den Parallelwelten viel zu wenig Raum, um das Leben und die Menschen dort vorzustellen und um gefühlig zu werden. Gänsehaut- und Aw-Momente entstanden bei mir bis auf wenige Ausnahmen ausschließlich, weil ich an Szenen aus den Vorgängerbänden dachte.

Die Freundschaft von Albus Severus und Scorpius ist der große Pluspunkt des gesamten Textes und der Grund, weshalb ich das Skript trotz allen Kritikpunkten durchgesuchtet und mit einem zwiespältigem Gefühl beendet habe. Viel zu viele Punkte haben mich gestört und waren für mich nicht nachvollziehbar, doch wenn Albus Severus und Scorpius im Hogwarts Express das erste Mal aufeinandertreffen und Süßigkeiten austauschen und wenn sie sich Jahre später umarmen, obwohl Jungs so etwas doch eigentlich gar nicht machen, dann freue ich mich, die beiden und ihre Geschichte kennengelernt zu haben.

 

Fazit:

›Harry Potter und das verwunschene Kind‹ zieht einen sofort in seinen Bann, sodass man es ruckzuck durchgesuchtet hat. Jedoch ist von der Magie und der Atmosphäre, die man aus J. K. Rowlings ›Harry Potter‹-Reihe kennt, nicht sehr viel übrig geblieben. Die Charaktere, die man beim Lesen einst so lieb gewonnen hat, haben sich in eine so verquere Richtung entwickelt, dass man sich nur noch von ihnen anwenden möchte. Insgesamt blieb viel zu wenig Zeit, um alte und neue Nebencharaktere vorzustellen. Einige Logikfehler und unrealistische Handlungsstränge erinnern stark an nicht bis zum Ende durchdachte Fanfiktionen. Einziger Lichtblick ist die Darstellung der Freundsschaft zwischen Albus Severus Potter und Scorpius Malfoy.

 

Bewertung:

3 von 6 Regentropfen, die wesentlich weniger magisch sind als der Zauberregen der sieben vorherigen Potter-Bücher.

Danke fürs Lesen!

Steffi