Buchstabenregen  


Buchrezension

Gut gegen Nordwind — Daniel Glattauer

Seiten: 224

Preis: 17,90 Euro

  

Deuticke Hardcover Erschienen: 5. August 2006 ISBN 978-3552-06041-8

Der Inhalt:

Bei Leo Leike landen irrtümlich E-Mails einer ihm unbekannten Emmi Rothner. Aus Höflichkeit antwortet er ihr. Und weil sich Emmi von ihm angezogen fühlt, schreibt sie zurück. Bald scheint es nur noch eine Frage der Zeit zu sein, wann es zum ersten persönlichen Treffen kommt, aber diese Frage wühlt beide so sehr auf, dass sie die Antwort lieber noch eine Weile hinauszögern. Außerdem ist Emmi glücklich verheiratet. Und Leo verdaut gerade eine gescheiterte Beziehung. Und überhaupt: Werden die gesendeten, empfangenen und gespeicherten Liebesgefühle einer Begegnung standhalten? Und was, wenn ja?

 

Der erste Satz:

Ich möchte bitte mein Abonnement kündigen.

 

Meine Meinung:

Warum ich dieses Buch seit Jahren immer mal wieder im Kopf habe wie einen Ohrwurm und ich lächeln muss, wann immer ich es in meinem Regal sehe? Warum es mich an Hamburg erinnert und daran, wie schön es wäre, mal wieder eine lange Mail oder einen Brief zu verfassen? Warum ich mich auf die Verfilmung freue und damit rechne, dass ich Weinen werden muss?

Weil (ich führ das jetzt in dem Aufzählungs-Stil aus, in dem Emmi nur zu gerne ihre E-Mails verfasst):

 

1.) Ich eine Liebhaberin von langen, tiefgründigen Briefen und E-Mails bin; weil ich mich gerne schriftlich, poetisch und ausschweifend (ausschweifend vor allem) mit anderen Menschen austausche und weil ich auf diesem Wege – wenn auch keinen Mann – einige meiner besten Freundinnen kennengelernt habe; und zwar besser als ich sie am Telefon oder in einem Face-to-Face-Gespräch kennenlernen hätte können.

2.) Der Schreibstil mich in einen Sog gezogen hat, weil er gleichzeitig  authentisch und lebensecht war, auf der anderen Seite aber auch so poetisch, dass man meinen könnte, die beiden schreiben sich nicht in der heutigen Zeit, sondern damals, als Schreiben noch besonders zauberhaft und romantisch  war  — und sowieso der einzige Weg, um über eine gewisse geographische Distanz in Kontakt zu bleiben. Ganz im Ernst, schon alleine wegen Leos E-Mails kann ich dieses Buch nur jedem Sprachliebhaber ans Herz legen.

3.) Aber auch inhaltlich hat mich Gut gegen Nordwind überzeugt. Ab und an hat es sich zwar etwas in die Länge gezogen, was das Lesen etwas langwierig machte im Mittelteil, die Geschichte letztlich aber, so musste ich feststellen, umso alltagsnäher wirken ließ.

4.) Emmi und Leo. Zwei Protagonisten, die man am Ende des Romans glaubt zu kennen und von denen man ein ganz bestimmtes Bild im Kopf hat, aber dann doch keine Ahnung hat, weil sie alles und nichts von sich preis gegeben haben in ihren Mails aneinander.

5.) Das Ende. Es ist in gewisser Weise abgeschlossen, ohne mit allem abzuschließen; es lässt Raum zum Nachdenken und zum noch einmal Lesen; es ist kein Happyend, aber auch nicht besonders tragisch; es endet einfach, wie es in der Wirklichkeit meist endet. Ich mag das.

6.) Es bringt einen zum Grübeln. Das mag ich auch. Wenn einem alles an einem Buch realitätsnah erscheint und es voller Wahrheiten (über Männer, über Frauen, über die Ehe, über Gott und die
Welt), aufgedeckter Klischees, Kritik und Menschlichkeit ist.

7.) Und noch einmal: Leo Leikes E-Mails!!!!! Die sind wie ein Säuseln, das der Nordwind zusammen mit den Möwen und gedämpften Schiffshupen ganz sanft an den Hafen pustet.

 

Fazit:

Gut gegen Nordwind ist ein Buch mit chronologisch gesammelten E-Mails, die ich gerne gelesen und auf deren Beantwortung ich immer wieder gespannt war; mit zwei Protagonisten, die ich gerne immer besser kennengelernt habe (auch wenn mir Emmi nicht unbedingt immer sympathisch war); eine Geschichte, die ich unbedingt weiterverfolgen wollte –  musste – nicht weglegen, aber auch nicht beendet haben wollte; eine etwas andere Liebesgeschichte (wenn man es überhaupt so nennen darf).

 

Bewertung:

5 von 6 Regentropfen, die uns daran erinnern, dass die Zeit der Briefe noch nicht vorbei sein sollte.

Danke fürs Lesen!

Steffi

Ein Kommentar:

  1. Ein tolles Buch. Ich habe es via Hörbuch „gelesen“ und deshalb hatte es für mich auch kaum Längen. Ich war mir vorab nämlich unsicher, ob mir ein reiner E-Mail-Roman in klassicher Buchform gefallen wird. Schlussendlich wurde es ein Höchbuch-Highlight für mich. 🙂

    Ich fande es auch interessant, dass man von den beiden nur wusste, was sie selbst über sich in den E-Mails geschrieben haben. Das hat was! Das erste reale Beschnuppern in dem Café fand ich da ebenfalls sehr gelungen und kreativ. Im Anschluß musste ich auch sofort die Fortsetzung „Alle sieben Wellen“ hören und mochte sie ebenfalls. Vor allem da ich offene Enden eigentlich auch mag, aber doch meistens auf ein (Happy) Ende hoffe. 😉


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