Buchstabenregen  


Kreatives Tagebuch, Eintrag VI

Recherchearbeit oder warum ich Ort und Kultur vor dem Schreiben fühlen muss

 

Das heutige Thema ist eines, das ich in meinem letzten Kreativen Tagebucheintrag bereits angekündigt hatte und das mir sehr am Herzen liegt. Ich habe das Gefühl, ich könnte seitenlang darüber schreiben. Stattdessen erzähle ich dir aber nur eine kurze Geschichte:

Vor einigen Jahren hatte ich eine Romanidee …

… die Charaktere lebten, die Handlung war durchdacht, aber nach den ersten Kapiteln habe ich das Schreiben auf Eis gelegt. Nicht weil ich die Idee nicht gut genug fand  ganz im Gegenteil, hinter ihr stehe ich immer noch voll und ganz und irgendwann werde ich sie hoffentlich beenden können , aber ich habe gemerkt, dass ich mich der Idee, die auf Personen aus der chinesischen Mythologie basiert, noch nicht gewachsen fühle. Noch nicht. Denn ich kann mir noch so viel Informationen anlesen, mir noch so viel erzählen lassen von Bekannten, die ihr Auslandssemester dort verbrachten oder Großeltern befragen, die ursprünglich aus China stammen, aber bevor ich nicht selbst an den Handlungsorten gewesen bin und mit Menschen gesprochen haben, die an ebendiesen Orten leben, sie verstehen und spüren, fühlt sich meine Interpretation eines Lebens dort nicht richtig an.

Vielleicht magst du denken, ich bin feige, weil ich nicht einfach drauf losschreibe, weil ich meine künstlerische Freiheit nicht nutze. Ich nenne es Respekt haben vor anderen Ländern und ihrer Kultur, den Menschen dort, ihrer Denkweise und ihrer Spiritualität. Ich möchte es mir einfach nicht anmaßen, über etwas zu schreiben, von dem ich zu wenig weiß. Ich meine, haben wir uns hier in Deutschland nicht alle schon einmal zu diesem hartnäckigen Vorurteil rechtfertigen müssen, dass wir Hitler gut finden, ständig in Dirndl und Lederhosen herumlaufen und uns nur von Fleisch und Sauerkraut ernähren? Ich möchte nicht Gefahr laufen, eine solche Art von Vorurteil zu bestärken oder gar in die Welt zu setzen, indem ich einfach so drauf losschreibe, ohne nachzudenken und ohne mich zu informieren. Künstlerische Freiheit bleibt bei anderen Aspekten immer noch genug. Ein Grund übrigens, weshalb ich meinen Geschichten so gerne einen fantastischen Touch verleihe.

Also habe ich beschlossen, über etwas zu schreiben, das ich kenne. Und überhaupt, wer behauptet, dass unser Land keine interessanten Städte, keine faszinierenden, mitreißenden Legenden und Sagen zu bieten hat, der liegt komplett daneben das Nibelungenlied ist nur ein Beispiel von vielen.

Überhaupt finde ich, dass deutsche Autoren viel mehr ihrer Geschichten in Deutschland spielen lassen sollten. Und dass die deutschen Leser, vor allem im Jugendbuch, viel mehr Interesse an solchen Geschichten zeigen sollten. Klar, die Fremde ist spannend und auch ich lese und schreibe gerne darüber aber was ist mit all den Geschichten, die vor unserer Haustüre passieren könnten? Was ist mit all der Geschichte und der Mythologie, die unser Land und seine Entstehung betrifft? Ist das nicht auch spannend? Könnten wir uns das nicht spannend schreiben? Ich denke schon! Und du?

Danke fürs Lesen!

Steffi

Ein Kommentar:

  1. Hallo Steffi,
    ich bin schon Rentner und habe einiges von der Welt gesehen, über die ich nachdenke und von der ich erzähle, z.B. in Reiseberichten oder Rezensionen. Auch China. Ich käme aber auch nicht auf die Idee, einen Roman zu schreiben, der dort spielt. Da kann ich Deine Gedanken total nachvollziehen.
    Auch ich brauche einen Tritt in den Hintern durch die Realität, bevor ich loslegen kann. Dazu kommt, dass ich kein großer „Erfinder“ von Geschichten bin, sondern nur erzählen kann, was das Leben so bringt. Und das ist in meinem Fall schon mehr als reichlich. Zum Beispiel hoffe ich, dass meine Kurzgeschichte „Wie ich meine Lieblingstante zu hassen lernte“ unterhaltsam, aber auch nachdenklich ist. Meistens schreibe ich aber andere Sachen, etwa Essays (auch politische) und Gedichte. Und deshalb möchte ich gern etwas fragen:

    Gibt es auch Buchblogger, denen ich in der Hoffnung auf eine Rezension etwas Ernstes schicken kann wie mein Buch „Die Quellen des Zorns – Gefahr für Rechtsstaat & Demokratie“? Das habe ich bei neobooks und epubli herausgebracht, weil ich keinen Verleger fand, aber eine Lektorin meinte, das sei ein tolles und wichtiges Buch. So etwas ignorieren aber die Rezensenten der Feuilletons, es sei denn, man heißt Sebastian Fitzek und füllt bei Lesungen Stadthallen.
    Als Self Publisher braucht man Blogger, die einen wahrnehmen. Ich hatte bisher keine Zeit dafür, aber jetzt, als Neurentner, klicke ich mich durch die Tipps von Wolfgang Tischer im Literaturcafé und stelle fest, bis auf Wolfgang kenne ich überhaupt noch keine Buchblogger. Aber was ich bisher sehe, ist ein großes Interesse an Liebesgeschichten, Fantasy und Thrillern. Dann kommt lange nix, und dann vielleicht noch etwas Esoterik. Stimmt das wirklich, oder habe ich bis jetzt bloß nicht die richtigen Leser getroffen?
    Und noch einen zweiten Grund habe ich, jüngere Blogger zu finden, die vielleicht mein Buch rezensieren: Meine Freunde sind Autoren, Lehrer, Lektorinnen etc. und meistens über 65. Die können gar keine Rezensionen online stellen, z.B. bei neobooks, Amazon oder werweißwo. Die lesen zwar meine Sachen und finden sie toll, aber es gibt nicht mal Leserrezensionen. Erziehungsversuche sind da sinnlos. Sie können es nicht. Einige haben nicht mal ein Handy, geschweige denn einen PC, und denken sogar, ich könnte ihre handschriftlichen Briefe irgendwie verwenden oder selbst eine Rezension in ihrem Namen schreiben und dafür ihre Emails verwenden. Muss das wirklich so bleiben?
    In den Hoffnung, dass meine Fragen Dich nicht nerven, schicke ich herzliche Grüße und bin gespannt auf Deine Antwort.

    Widmar


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