Buchstabenregen  


Kreatives Tagebuch, Eintrag II

Meine imaginären Freunde oder wie ich beginne, Geschichten zu schreiben

 

Als Erstes sind da die Charaktere. Noch bevor ich weiß, was ich schreiben möchte. Bevor der Handlungsort feststeht, die Zeit und das Genre. Sogar bevor ich weiß, wer mein Protagonist sein wird. Denn in meinem Kopf sind sehr, sehr viele Charaktere und für mich sind sie alle Protagonisten. Jeder hat seine ganz eigene Geschichte. Manche lohnt es sich ganz besonders schnell aufzuschreiben. An manche wage ich mich noch nicht heran. Manche habe ich begonnen und wieder aufgehört, begonnen und wieder aufgehört …  weil manche Charaktere und Geschichten Zeit brauchen, während andere sich in den Vordergrund drängen und nicht locker lassen, ehe ich angefangen habe, über sie zu schreiben.

Ich weiß ihr Aussehen und ihre Namen nicht immer sofort, aber ich weiß genau, mit welchen Worten ich sie beschreiben und welche ich ihnen in den Mund legen kann. Ich weiß, wie sie sprechen, wie sie gestikulieren, wie sie gehen und wie sie auf andere wirken. Nach und nach erfahre ich auch, wie sie sich fühlen und was sie bereits alles hinter sich haben. Das Kennenlernen eines neuen Charakters ist wie das Kennenlernen eines Fremden, der einem allerdings von Anfang an vertraut zu sein scheint. Als hätte man sich in einem früheren Leben gekannt oder so.

Hattest du früher irgendwann einmal einen imaginären Freund?

Ganz genauso ist es für mich mit Charakteren für eine eigene Geschichte. Die erschafft man nicht. Man setzt sich nicht hin und denkt sich zusammen, was man haben will und was man braucht. Die sind einfach irgendwann da – verstecken sich erst heimlich im Kopf und im Herz – bis sie irgendwann zu irgendeinem Anlass herauskommen, einen Kommentar abgeben oder einen einfach nur mit großen Augen ansehen und warten. Ich vermute, auf meine Kreativität und meine Schreibkünste.

Manchmal stelle ich mir vor, wie sie zusammen an einem Tisch sitzen und gespannt darauf warten, das nächste Kapitel ihrer eigenen Geschichte lesen zu dürfen; als wären all die Dinge, die ich aufschreibe bereits passiert; als würde ich darüber schreiben, was eine reale Person mir flüsternd anvertraut hat; als wären sie meine Freunde und meine Lektoren. Sie kritisieren, sie redigieren, sie überschreiben und loben und erzählen mir an manchen Tagen so viele Dinge, die unmöglich alle Platz in der Geschichte finden können.

Das Schönste am Kennenlernen eines neuen Charakters ist für mich die Namenssuche. Es ist wie das Lösen eines Rätsels. Manchmal weiß ich, wie er klingt, wenn man ihn laut ausspricht; manchmal weiß ich den Anfangsbuchstaben; manchmal weiß ich, welche Bedeutung er hat; manchmal weiß ich, aus welchem Land er stammt.  Oft verbringe ich tagelang mit der Suche nach dem richtigen Namen. Und der Charakter sitzt einem stumm gegenüber wie Arielle, die Meerjungfrau, in ihrer Menschengestalt. Manchmal verzieht er das Gesicht, manchmal muss er lachen … und gerade dann, wenn man schon meint, man muss irgendeinen Namen erfinden, beginnt er eifrig zu nicken und sich zu freuen. Und mich vereinnahmt ein Gefühl von Glückseligkeit und Stolz. Das ist der Beginn einer jeden Geschichte für mich, wenn mein Protagonist seinen Namen hat.

Die Namen der beiden Protagonisten für mein aktuelles Projekt sind beispielsweise Jonas und Margund. Und weil ich neugierig bin, würde ich gerne von euch wissen, was ihr mit diesen Namen assoziiert und was ihr dementsprechend von ihnen erwartet.

Danke fürs Lesen!

Steffi

3 Kommentare:

  1. Danke für diesen umfangreichen und interessanten Einblick in den Schreibprozess! Ich lese sowas immer unheimlich gerne, da ich ja selber (noch) keine Geschichten schreibe und deswegen neugierig bin, wie das so vonstatten geht. 🙂
    Und da du dich ja fragst, was man mit den Namen „Jonas“ und „Margund“ so assoziiert: Ein „Jonas“ ist für mich in meinem Kopf ein kleiner Junge, vielleicht so um die 8-10 Jahre, der sehr abenteuerlustig, aufgeschlossen und neugierig ist – ein kleiner Entdecker also. Bei „Margund“ stelle ich mir eine ältere Dame (vielleicht so um die 70?) vor. Aber keinesfalls so eine tattrige, senile Oma, sondern noch eine lebens- und unternehmungslustige sowie resolute ältere Frau. Ich stelle mir auch gerade vor, was diesem Duo so alles widerfahren könnte – sicherlich unterhaltsam! Wahrscheinlich bringen dich diese Assoziationen eher zum Lachen, aber damit habe ich ja dann auch etwas erreicht und du hast ja gefragt. 😉

  2. Liebe Steffi,
    bitte, bitte schreib mehr dieser Beiträge, ich habe ihn total gerne gelesen :-)! Ich finde es total spannend, über die Schreibprozesse anderer zu lesen, immerhin sind diese soo unterschiedlich. Bei mir ist es eigentlich immer so, dass ich eine Idee für eine Geschichte habe und dann erst entwickeln sich die Charaktere dazu in meinem Kopf.
    Wenn ich davon ausgehe, dass deine beiden Charaktere Jugendliche sind, dann wäre Jonas für mich eher so der normale Junge, während Margund besonders ist und vielleicht irgendwelche außergewöhnlichen Fähigkeiten mitbringt. Bin gespannt mehr von ihnen zu hören! Und falls du je eine Beta Leserin brauchst, ich würde mich freuen, deine Geschichten lesen zu dürfen :-)!
    Ganz liebe Grüße
    Kim

  3. Liebe Steffi,

    das ist eine sehr schöne Einführung in deinen Schreibprozess 🙂 Wahrscheinlich schreibe ich deshalb keine Geschichten, weil ich keine Charaktere habe. Ich begründe Texte oft auf einem ungenauen Gefühl, was vielleicht einfach zu wenig ist, um daraus dann tatsächlich mal etwas längeres zu machen. Das hat mich gerade sehr zum Nachdenken angeregt! Ich freue mich auf deine Geschichten <3 (Bitte verzeih, dass ich nicht so oft zum Lesen komme…)

    Deine Rebecca


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